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Auf Pilgerfahrt in Osttibet

Der bis heute unbestiegene „Khawa Karpo“ ist einer der sogenannten „acht großen, heiligen Berge Tibets“.

Der Pilgerweg um den Fuß des Berges gilt als einer der beeindruckendsten Naturpfade der Erde. Keiner konnte uns sagen, ob er sich zum Biken eignet. Wir sind aufgebrochen um es heraus zu finden und haben unvergessliche Momente erleben dürfen.

An den Umgang mit Stäbchen beim Essen habe ich mich gewöhnt. Woran ich mich aber nur schwer gewöhnen kann, sind die Entenköpfe, welche von Zeit zu Zeit in unserem Hot Pot, einer Art chinesischem Fondue, an die blubbernde Oberfläche getrieben werden. Zurückhaltend versuche ich zwischen ihnen und diversen, umher treibenden Innereien, ein paar Gemüse- oder Tofustücke zu ergattern, um meinen vegetarischen Appetit zu stillen. Eine echte Herausforderung wie ich feststellen muss. Als die nächste Ladung Fischköpfe im feuerroten Sud verschwindet, streiche ich endgültig die Segel und beschließe für heute genug gegessen zu haben. Für den Rest des Abends bleibe ich bei Jasmintee.

Gemeinsam mit drei Fahrern des „Liteville Enduro Team China“, Kevin, Jin und Ansel, sitze ich hier beim Abendessen in Shangri La. Seit zwei Tagen sind wir Richtung Tibet unterwegs.

Wir haben uns vorgenommen, den östlichen Teil einer sogenannten Kora, einem Pilgerweg, um den Berg „Kawa Karpo“, zu befahren. Für die Tibeter ist die Umrundung des für sie heiligen Berges eine rituelle Handlung. Der Berg stellt für sie die Manifestation des Geistes Buddhas dar und mit der Umrundung hoffen viele diesem Buddha näher zu kommen. In besonderen Jahren des tibetischen Kalenders pilgern hier zig tausende Buddhisten im Uhrzeigersinn um den Berg.

In Dequin, einer Stadt im äußersten Norden der Provinz Yunnan, treffen wir auf unseren „Horseman“. Gemeinsam geht es zum Einkaufen auf den riesigen Markt. Recht verloren stehen wir da, weil niemand von uns eine Ahnung hat, wie viel Lebensmittel wir brauchen werden. Zum Frühstück wird es Nudelsuppe, mittags Kekse und Schokolade geben, abends Reis und Gemüse. So der Essensplan. Na dann, nur nicht zu wenig einkaufen, hungern unterwegs ist nicht gut. Vor allem nicht bei der Anstrengung. In großen weißen Säcken transportieren wir unseren Einkauf zu einem winzigen Bus. Vollgepackt bis unters Dach reicht der Platz nicht für uns alle. Daher schwingen wir uns auf die Räder. Der Bus fährt vor, die Ware wird ausgeladen, dann sammelt der Fahrer uns am Straßenrand ein, um zum Treffpunkt mit den Pferden in einem kleinen tibetischen Bergdorf zu gelangen. Wir haben unten im Tal die Grenze nach Osttibet passiert, welche nur durch einen spärlich besetzten Checkpoint in einem winzigen Zelt am Straßenrand erkennbar ist.

Das Gepäck wird gewogen, auf die Pferde verteilt und wir packen unsere Tagesrucksäcke. Vier Pferde benötigen wir nun mit dem ganzen Essen, sonst wird die Last zu schwer für die Tiere. Bevor wir starten dürfen, müssen wir noch eine Vereinbarung über die Leistung und Zahlung „unterzeichnen“. Dies geht nicht mit Stift und Unterschrift, sondern mit Stempelkissen und Fingerabdruck. Erst nachdem vier rote Fingerabdrücke auf dem Papier sind, dürfen wir starten.

Unser „Horseman“ verabschiedet sich von uns. Er kommt nicht mit auf die Tour. Seine Frau und eine Verwandter begleiten uns mit den Pferden. Sie sind schon voraus gegangen und wollen uns am ersten Camp erwarten. Von nun an sind wir auf uns allein gestellt, ohne Telefonempfang, ohne Internet oder sonstigen Kontakt zur Außenwelt. Wir müssen alles bei uns haben was wir brauchen und uns selber helfen, wenn irgendetwas passiert. Ein Höhenprofil und eine ungenaue digitale Karte ist alles, was wir zur Orientierung haben. Aber laut dieser gibt es nur einen Weg über die Berge.

Wir klatschen ab, treten in die Pedale und sofort tauchen wir in eine völlig andere Welt. Wie in einer Achterbahn schlängelt sich der Weg hinab in den Wald in einem Tunnel aus Gebetsfahnen. Tausende von ihnen hängen, in bunten Farben wehend, rechts und links am Wegesrand des etwa 50cm breiten und glattgetrampelten Pfades. Es fühlt sich an, als würde man mit Hochgeschwindigkeit durch einen Farbkasten rauschen. Als wenn ein Reset-Knopf im Kopf gedrückt würde und auf „jetzt und hier“ geschalten wird. Die Gefühle überschlagen sich. Erst nach einer gefühlten Ewigkeit halten wir kurz an. Alle vier strahlen wir wie Honigkuchenpferde, fallen uns in die Arme und können unserer Freude kaum Ausdruck verleihen.

An einer halb verfallenen Holzbaracke im dichten Wald holen wir die Pferde ein.

Es ist schon dunkel. Das ist unser Lagerplatz. In einem Unterschlupf brennt ein Lagerfeuer. Küche und Aufenthaltsraum sind hier vereint. Hinter der Hütte rauscht ein Bach. Ein paar aufgerichtete Holzstämme sind mit Plastikplanen überzogen und stellen unser Schlafzimmer dar. Auf Holzpritschen liegen alte Matratzen und feuchte Decken. Wir legen unsere Schlafsäcke darüber.

Am nächsten Morgen sitzen wir am Lagerfeuer bei Nudelsuppe und Reis. Daran werden wir uns wohl gewöhnen müssen die nächsten Tage. Ansel knabbert genüsslich an getrockneten Hühnerbeinen, welche er sich vom Markt mitgebracht hat. Draußen regnet es leicht. Hier auf fast 3000m wächst um uns herum dichter Wald. Erstaunt betrachten wir die Artenvielfalt, damit haben wir hier oben nicht gerechnet. Nach dem Frühstück starten wir auf einem matschigen, mit glatten Steinen übersäten Weg, welcher oftmals von der dichten Vegetation fast völlig verschluckt wird. Ein völliger Kontrast zu gestern. Immer wieder versuchen wir kleine Stücke zu fahren, was nur selten erfolgreich ist.

Es geht fast den ganzen Tag bergauf. Das heutige Camp liegt auf 3900m. Die letzten 250hm sind so steil, das wir die Bikes tragen müssen. Wieder säumen tausende Gebetsfahnen den Weg. Auf halber Höhe sind in einer Felswand diverse Buddhafiguren eingemeißelt und bunt bemalt. Es fühlt sich an, als würden wir durch einen heiligen Ort passieren. Nach acht Stunden erreichen wir ein paar kleine Holzhütten, unser Lager.

Ein früher Start mit Regen läutet den nächsten Tag ein. Ganz langsam gehen wir los, um einen Rhythmus zu finden. Die Luft wird zunehmend dünner und wir atmen schwer. An Fahren ist mal wieder nicht zu denken, zu steil g führt der Weg zum schon bald sichtbaren Passübergang. Erst hier oben ist die Waldgrenze, auf etwa 4000m. Zuhause in den Alpen gibt es auf dieser Höhe nur noch Schnee und Eis. Die Gruppe zieht sich etwas auseinander, jeder geht seinen eigenen Takt. Schon weit vor der höchsten Erhebung beginnen Girlanden aus Gebetsfahnen uns den Weg zu weisen. Der Regen lässt ein wenig nach und wir schleppen uns schwer atmend über einen Teppich aus bunten Stofffahnen. Der Boden ist nicht mehr zu sehen, alles ist übersät mit Milliarden von „Windpferden“, so die korrekte Übersetzung aus dem Tibetischen für die Flaggen. Die Bergwelt zeigt sich schroff und wolkendurchzogen. 4500m zeigt mein GPS Gerät hier am „Duokha La“ an. Der höchste Punkt unserer Pilgerfahrt ist erreicht!

Ein dumpfes Grollen begleitet tiefschwarze Wolken und mahnt uns zum Aufbruch.

Die ersten Meter schieben wir über den glitschigen Gebetsfahnenteppich hinunter, bis wir felsigen Untergrund erreichen. Wir blicken in ein tiefes Tal. Weit unten erkennen wir eine grüne Wiese mit einem Bach zwischen den steilen Felswänden. Dort hinunter führt uns ein anspruchsvoller Trail, welcher mit über 100 Spitzkehren volle Konzentration erfordert und an unseren Kräften zehrt.

Am nächsten Morgen kommen wir nur schwer aus den Schlafsäcken, der gestrige Tag steckt uns noch in den Knochen. Aber schon die ersten Meter hinter dem Camp lassen auf einen traumhaften Fahrtag hoffen. Der Weg ist ähnlich plattgetreten wie am ersten Tag und lädt zu Höchstgeschwindigkeit ein. Es tut gut endlich wieder Fahrtwind zu spüren. Das geht so lange, bis wir wieder in den Wald eintauchen. Hier wird es sofort verblockt und rutschig. Eine Gruppe tibetischer Pilger in Begleitung eines Mönches in rot-orangener Robe kommt vorbei. Nachdem er uns entdeckt hat, steuert er direkt auf uns zu. Freundlich mit einem „Taschi Delek“, dem tibetischen „Hallo“, begrüßt er uns. Wir verstehen kein Wort und doch kommt mit Händen und Füssen, eine Kommunikation in Gange. Er zeigt großes Interesse an unseren Bikes und kann es wohl kaum glauben, dass wir mit ihnen über den Pass gekommen sind. Wir staunen dagegen nicht schlecht, als er unter seinem Umhang ein goldenes Smartphone zückt und Fotos mit uns machen will. Den Gefallen tun wir ihm natürlich gerne und auch wir machen noch Erinnerungsfotos von der freundlichen Begegnung. Den Nachmittag verbringen wir wieder mal mit Schieben, bis wir unser Camp erreichen.

Der vierte Morgen auf unserer Tour startet wie immer mit Nudelsuppe und Tee. Wir sehnen uns nach Kaffee und Brot mit Marmelade. Verzicht ist sicher ein Teil der Reise. Nicht nur auf gewohnte Nahrungsmittel, auch auf Ablenkung wie Telefon und Internet dürfen wir verzichten. Noch haben wir die Errungenschaften des digitalen Zeitalters keine Minute vermisst. Immer gibt es etwas zu tun. Und wie schön ist es, wenn man sich unterhalten kann, ohne dass Jemand ständig am Smartphone tippt und abgelenkt ist.

Auf dem Trail heute wird unsere Spitzkehrentechnik mal wieder auf die Probe gestellt.

Steil bergab windet er sich, und wir erreichen einen reißenden Fluss. Etwas überrascht über die Szenerie überqueren wir eine Brücke und folgen dem Weg flussabwärts. Noch größer ist unsere Überraschung, als wir ein Haus, das erste seit fünf Tagen, am Wegesrand stehen sehen. Und tatsächlich haben wir hier im ersten Stock ein Lager für uns. Bis hierher haben wir nicht mehr als 20 Leute in den letzten Tagen getroffen. Rund um die kleine Behausung tummeln sich etwa genauso viele. Im Untergeschoß befindet sich ein kleiner Lebensmittelladen, in welchem das Nötigste erworben werden kann. Zum Transport der Ware werden bunt geschmückte und mit riesigen Lautsprechern bestückte Motorräder verwendet. In uns keimt die Hoffnung auf einen durchwegs fahrbaren Weg.

Wir helfen am Morgen die Pferde zu beladen und starten gemeinsam. Zu Beginn sind wir schneller mit den Bikes, was sich aber schon nach wenigen Kilometern ändert. Der Weg ist bald schon zu steil um ihn ohne Motor Unterstützung zu fahren, also absteigen. Heute wollen noch einmal über 1000hm bergauf bewältigt werden. Und so wie es sich abzeichnet, werden wir wohl 100% davon schieben. Stundenlang, monoton, einen Fuß vor den anderen. Nach knapp vier Stunden erreichen wir, ohne auch nur einen Meter gefahren zu sein, den letzten Pass. Noch immer können wir uns für die bunten Fahnen begeistern, welche auch hier den höchsten Punkt verzieren. Der Blick reicht zurück über die Etappen der letzten zwei Tage.

Der letzte Tag ist nochmals ein fahrerisches Highlight. Staubig, aber wie fürs Biken gebaut begeistert uns der Weg. Wir rauschen durch die lichten Bäume hinaus aus den Bergen nach Abincun, das Dorf in welchem wir unseren Fahrer wieder treffen werden. Nach nunmehr sieben Tagen in Abgeschiedenheit kommen wir langsam wieder zurück in die Zivilisation. Mit dem Bus erreichen wir nach etwa drei Stunden Fahrt die erste größere Stadt und stürmen sofort ein Restaurant.

Nachdem Jin und Ansel die Auswahl für uns alle getroffen haben, stoßen wir an auf die erfolgreiche Tour. Danach kehrt erstmal Stille ein. Diesmal ist sie nicht genussvoll und erhaben, wie so oft an den letzten Abenden, sondern von digitaler Natur. Es gibt wieder Empfang und so werden Mails gelesen, die neuesten Nachrichten gesucht und den Daheimgebliebenen Bericht erstattet. Wieder ganz aufmerksam sind alle erst, als das Essen an den Tisch gebracht wird. Dabei kommt es mir sehr gelegen, dass viel Gemüse und Kartoffeln zur Auswahl stehen und diesmal keine Entenköpfe auf den Tellern liegen.

#Let's Qloom the World
Qloom on the road